Die Wahrheit, die nicht schmeckt: Kreative und qualitative Text-Arbeit kostet Bargeld

Ein »Tirade« zur Blogparade »Endstation Texterstrich«

  1. Akt: »TMR« im Erstgespräch: Potenzieller Kunde möchte gute englische Texte, die auch Investoren überzeugen. Klar, kein Problem. Als bilingualer Texter, der auch hin und wieder Native Speaker korrigiert, kann man auch sowas. Was kostet denn das die Stunde? Ich mache einen freundlichen Festpreis, inkl. einer Korrekturschleife, weise auf KSK-Beiträge hin, 7% USt. und sage so der Vollständigkeit halber: »Basiert auf 80 Euro / Stunde«. Basses Erstaunen, damit habe man ja nun nicht gerechnet. Man hätte hier auch einen Autor, der schon für die New York Times geschrieben hat. Der wolle nur 50 Euro.
  2. Akt: Lautes Lachen von mir
  3. Akt: Meine Antwort: Wenn der davon leben kann, soll er das nehmen. 50 Euro ist für einen Freiberufler keine solide Grundlage, um davon zu leben. Wahrscheinlich hat er eine Partnerin, die gut verdient und den Kühlschrank füllt.
  4. Akt: Man einigt sich auf ein Probestück zu meinem Tarif, es folgt ein gutes Briefing (aber das ist ein Thema für eine andere Blogparade) und »TMR« legt los.
  5. Akt: Marketing-Abteilung liest den Text und ist sehr angetan, alles wie versprochen, keine Korrekturen, die nächsten Aufträge sind angekündigt.

Am Ende alles schön, aber doch ein Klassiker das Ganze und eigentlich mittlerweile der Anlass schon im ersten Akt »Good bye« zu sagen. Wer Qualität und Erfahrung, Wissen und Wertigkeit haben will, der muss dafür zahlen. Und zwar soviel, dass der Autor und die Autorin davon leben kann, mit all den Bedingungen von Festangestellten (Freizeit, Krankentage und Rücklage für die Rente). Oder kurz: Bares für Rares.

Das ist jetzt kein Jammern und keine professionelle Verwerfung, keine Arroganz der Kreativen, das ist die Wahrheit. Die IT-Stunde für 180 Euro wird nicht in Frage gestellt, die schöpferische Arbeit jedoch immer wieder. Warum? Ich weiß es ehrlicherweise nicht. Niemand tut sich einen Gefallen damit, schon gar nicht der Kunde, der so keine eigenen finden wird. Was nutzt der total günstige Content, den aber niemand liest, weil: langweilig, inhaltlos, fehlerbehaftet – und somit nutzlos?

Und weil es die ungewöhnlichste und spannendste Frage bei der Blogparade »Endstation Texterstrich« ist, will ich auch nicht darüber hinweg gehen: »Sind automatisiert erstellte Texte bereits eine große Konkurrenz?«. Die einfache Antwort gibt es hier nicht. Im Journalismus gibt es das nämlich schon lange, speziell im US-amerikanischen Sport-Journalismus. Alltäglich ist es noch nicht, zumindest hierzulande. Wird es kommen, so in fünf bis zehn Jahren? Ich glaube ja, die Anzeichen dafür sind schon da, und nicht mehr nur am Horizont.

Ein Beispiel aus dem Bereich Text, das wohl die meisten Kolleginnen und Kollegen nachvollziehen können, ist mir bei einem Vortrag des Marketing-Clubs untergekommen: Wir kennen das ALLE und hassen es vermutlich auch ALLE – unique Produkttexte für Webshops schreiben. Der gleiche Pullover aber in rot, braun, grau und schwarz und doch sollen vier unterschiedliche Texte entstehen. Will keiner – und muss man auch demnächst nicht mehr. Das vortragende Startup macht aus wenigen (und wirklich wenigen) Angaben problemlos ein Dutzend Varianten. Automatisch.

Die verwendete Technologie (»AI«, was sonst heutzutage!?!) ermöglicht es einem Programm, Text nicht nur als Aneinanderreihung von Zeichen zu interpretieren sondern den Wortsinn – die Semantik – zu erfassen. Dadurch wird es möglich, viele viele Variationen von Unique-Content zu erstellen, der sich denn auch nicht mehr von Menschen geschriebenem Content unterscheiden lässt. Watch out, Texter!

Foto:  contrastwerkstatt

Blogparade »Endstation Texterstrich«

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2 Kommentare zu “Die Wahrheit, die nicht schmeckt: Kreative und qualitative Text-Arbeit kostet Bargeld

  1. Spannender Beitrag, aber nicht nur Produkttexte werden inzwischen automatisch erstellt, auch Beiträge zu Sportveranstaltungen, Spielberichte und ähnliches können auf Basis bestimmer Parameter (Datum, Startaufstellung, Endergebnis) einfach automatisch per AI erstellt werden. Dabei werden sogar Google relevante Formatierungen eingehalten… hochwertige Texte entstehen so natürlich weniger, aber ist wie bei Produkttexten in diesen Anwendungsfällen auch nicht zwangläufig notwenig oder?

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